Potenziale des digitalen Wandels kaum genutzt

von Gerhard Baumeister | Gastautor am 18.02.19

Digitalisierung – Achtung Handlungsbedarf!

Der deutschen IT-Branche geht es gut. Laut einer Pressemeldung des Branchenverband BITKOM im Januar 2019 stellt die „Digitalisierung in Deutschland alle Zeichen auf Wachstum.“ Der Verband prognostiziert für 2019 ein ordentliches Umsatzplus von 1,5 Prozent auf 168,5 Milliarden Euro. Das die IT-Branche beim Umsatz seit 2011 jedes Jahr um rund 2,75 Mrd Euro zulegte verdankt sie im Wesentlichen den großen Unternehmen und Konzernen, die als Treiber der sogenannten „Digitalen Transformation“ gelten.

Bei aller Freude über das stetig steigende Umsatzwachstum der IT-Anbieter stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Anwender-Unternehmen aus der IT oder der sogenannten Digitalisierung tatsächlich ziehen.

Blicken wir zur Beantwortung dieser Frage in das vergangene Jahrzehnt. Bescherte der Einsatz von „EDV“ und die Nutzung des Internet den Unternehmen bis Ende der 90er Jahre noch einen üppigen Zuwachs an Produktivität, sieht dies nun offensichtlich anders aus. Zu dieser Erkenntnis kamen jedenfalls Wirtschaftsforscher des IWF in einer Anfang 2017 veröffentlichten Studie. Sie verweisen darauf, dass der Technologie-Einsatz nur noch zu kleineren Effizienzgewinnen führt. Besonders bemerkenswert ist die Schlussfolgerung der Studienautoren, dass „die Unternehmen heute nicht viel effizienter unterwegs sind als früher“. Und dies träfe nicht nur auf in Deutschland ansässige Unternehmen zu, sondern weltweit – trotz Digitalisierung, wie etwa Smartphone, Internet, Industrie 4.0, Cloud-Computing oder BigData-Analysen.

Mittelständische Betriebe gelten, was das Thema Digitalisierung betrifft als grundsätzlich zurückhaltender. Jedenfalls im Vergleich zu großen Unternehmen und Konzernen. Das zeigen jedenfalls die Marktanalysen des auf die IT-Branche spezialisierten Marktbeobachters ama. Riskieren kleinere und mittlere Unternehmen mit einer eher vorsichtig angelegten Digitalisierungs-Strategie dann nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit? Schließlich hängt die Fähigkeit von Unternehmen, sich im Markt zu behaupten, auch davon ab, wie produktiv ein Unternehmen ist und ob es ihnen gelingt, die Erwartungen ihrer Kunden zu erfüllen.

Wenn schon kein nennenswerter Produktivitätszuwachs, dann sollten es doch zumindest die größeren Unternehmen und Konzerne in den letzten zehn Jahren geschafft haben digitale Komponenten für den Ausbau der Kundenschnittstelle bzw. der Kundenorientierung zu nutzen.

Glaubt man den Teilnehmerantworten aus einer Erhebung des Marktbeobachters Lünendonk Anfang 2018 so fällt die Antwort ernüchternd aus. Danach haben „Drei Viertel der Unternehmen … zwar eine Digitalisierungsstrategie, aber meist noch nicht umgesetzt“. Dies wiederum führe dazu, dass „66 Prozent der Unternehmen weiterhin auf klassische Organisations- und Abwicklungsprozesse zurückgreifen“. Studienautor Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk, leitet u.a. daraus ab, „dass sich Unternehmen oftmals schwer tun, bestehende Denkmuster und Abläufe zu verlassen, um ihre Operating Models an neue Kundenanforderungen anzupassen“. Dabei sei gerade diese Fähigkeit existenziell für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und den Aufbau von Wettbewerbsvorteilen.

digitaler Wandel

Liegt es an den Rahmenbedingungen?

Wie mühsam der Einzug neuer Technologien ist, verdeutlicht ein Beispiel aus der Fertigungsindustrie: Zwar rückt der „industrielle 3D-Druck“ – dank vieler Medienberichte – immer stärker ins Bewusstsein der Unternehmenslenker. Allerdings nutzen heute, Frühjahr 2019, weiterhin nur die großen Industrie-Unternehmen und -Konzerne und nur sehr wenige kleinere und mittelgroße Betriebe die mit dieser Technologie gegebenen Potenziale, etwa in Form höherer Produktivität, Kostensenkung, Innovation oder mehr Kundenorientierung.

Mit den aktuell gegebenen Rahmenbedingungen, wie etwa das Argument „nicht ausgereifte Technologie“ oder „zu hohe Kosten“, ist die abwartende Haltung insbesondere der kleineren bis mittelgroßen Unternehmen kaum zu erklären. Schließlich gibt es bereits viele Vorreiter-Unternehmen. So setzen große Automobilhersteller bereits seit längerem im Bereich Ersatzteil-Fertigung auf 3D-Druck. Und sparen mit diesem vergleichsweise neuen Produktionsverfahren erhebliche Lager- und Logistik-Kosten ein (siehe Beitrag zum Thema 3D-Druck). Bei Unternehmen mit knappen Budgets greift meist schnell das Argument „zu hohe Kosten“ um Investments in neue Technologien erst einmal auf die lange Bank zu schieben. Aber auch dieses Argument punktet bei näherer Betrachtung in der Regel nicht. Um beim Beispiel „Industrieller 3D-Druck“ zu bleiben: Eine gründliche und umfassende Analyse aller Nutzenaspekte dieser Technologie dürfte schnell zu der Erkenntnis führen, dass sich ein Investment durchaus lohnt. Insbesondere, wenn Kooperationen mit spezialisierten 3D-Druck-Dienstleistern in die Entscheidungsfindung einfließen (siehe Beitrag zum Thema 3D-Druck), die dazu beitragen, das Kostenrisiko deutlich einzugrenzen.

Fakt ist, dass Unternehmen, die „erstmal abwarten“ sehr schnell in Zugzwang geraten und zudem mit eingeschränkten Handlungsoptionen rechnen müssen. Hierzu eine Stimme aus der Industriebranche: „Vor allem Erstausrüster (OEMs) setzen verstärkt auf die Vorteile der 3D-Druck-Technologie und erwarten das auch von ihren mittelständischen Zulieferern“, so Dietmar Frank, Regional Director Central Europe bei EOS, einem der führenden Anbieter der industriellen 3D-Drucktechnologie. Wer hier nicht mithält, der muss demnach mit Wettbewerbsnachteilen oder gar Kunden- und Umsatzverlusten rechnen.

Das Beispiel 3D-Druck verdeutlicht, dass eine eingehende Bestandsaufnahme des digitalen Wandels durchaus lohnen kann: Wie in dieser noch jungen Technologie steckt auch in anderen Technologien, wie etwa der Künstlichen Intelligenz erhebliches Potenzial für Innovationen, Ausbau der Kundenorientierung sowie Prozess- und Kostenoptimierung. Doch hierfür braucht es eine agile Führungsmannschaft, die das Heft in die Hand nimmt und entsprechende Strategien für notwendige Transformationsprozesse entwickelt.

Zwischenfazit des Autors: Die Ursache für den nur halbherzigen Einsatz moderner Technologien, oder für die oft noch nicht oder nur unzureichend stattfindende, viel zitierte „digitale Transformation“, dürfte nicht an den fehlenden Rahmenbedingungen liegen. Das zeigt das Beispiel 3D-Druck. Der Ball liegt eher im Spielfeld der handelnden Personen (der Führungskraft) in mittelständischen Unternehmen und nicht zuletzt auch in einigen größeren Unternehmen!

Die Anbieter von Beratungs- und IT-Digitalisierungsleistungen sowie die IT-Lösungsanbieter freuen sich über den seit Jahren anhaltenden Digitalsierungstrend. Allerdings könnte die Nachfrage von Beratungsdienstleistungen noch deutlich zunehmen, wenn es gelingt, den Entscheidern auf Anwenderseite die offensichtlich fehlenden Digitalisierungs-Kompetenzen zu vermitteln.

fehlende Führungskompetenz für die digitale Transformation

Liegt es doch eher an fehlenden Führungskompetenzen für die digitale Transformation?

Das diese „Kompetenzen zur Digitalisierung und Transformation“ in vielen Betrieben heute noch fehlen, ermittelte jüngst das IFIDZ. Das Mitte 2018 von diesem Institut veröffentlichte „Leadership-Trend-Barometer“ kommt zu folgender Erkenntnis: „Die meisten Führungskräfte in den deutschen Unternehmen haben sich mit dem Thema Digitale Transformation noch nicht so richtig angefreundet“, so die Autoren.

Noch gravierender: „Nur jede vierte Führungskraft treibt die digitale Transformation voran“.

Eine weitere Zahl aus dieser Studie, die aufhorchen lässt: „So sind denn auch 77 Prozent der Befragten der Auffassung, dass sich eine Führungskraft vom digitalen Wandel eher treiben lassen als diesen aktiv zu gestalten.“ Und eine weitere, die fast schon erschreckend ist: „Und gar nur 3 Prozent sind der Auffassung, die Mehrheit der Führungskräfte wisse, welche Führungskompetenzen die Digitalisierung erfordere.“

Wenn die Mehrheit der Führungskräfte verunsichert ist, welche Führungskompetenzen der digitale Wandel erfordert, dürfte es schlecht bestellt sein um den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen.

„Vielen Führungskräften fehlen noch der Mindset und das erforderliche Digital-Know-how, um als digitale Treiber und Vorbilder zu fungieren“ (Barbara Liebermeister vom IFIDZ).

Es gibt demnach genügend Ansatzpunkte, um den digitalen Transformationsprozess in Unternehmen zu forcieren. Diese liegen jedoch nach Einschätzung des Autors fast ausschließlich im personellen Bereich. An diesem Punkt kommt denn auch das Top-Management ins Spiel. Für perspektivisch denkende Unternehmensleitende ist der Aspekt „Personalauswahl“ respektive „Personalentwicklung“ eine wichtige Stellschraube auf dem Weg zur nachhaltigen Sicherung des Unternehmenserfolges (siehe Beitrag Personalauswahl-Tools).

Die Antwort der Beratungsbranche

Unternehmensberater und Management-Trainer haben den Handlungsbedarf erkannt. Ein Beispiel ist das IFIDZ, die in Seminaren und Vortragsreihen Führungskräfte fit für die Digitalisierung machen oder auch Fred Keßler, der mit seinem auf sieben Wirkprinzipien aufbauenden Management-Modell an einem – aus seiner Sicht – zentralen Schwachpunkt ansetzt:

„Im Kern geht es darum, den anhaltenden grundlegenden Wandel – von Digitalisierung bis hin zur demografischen Entwicklung – für das eigene Unternehmen maximal zu nutzen – und das funktioniert nur mit entsprechenden Führungskompetenzen der im eigenen Hause agierenden Führungskräfte.“

„Mit diesem Management-Modell und mit den erworbenen Führungskompetenzen kann eine agile Führungskraft, und damit das betreffende Unternehmen, die riesigen Potenziale der Digitalisierung voll ausschöpfen“, so Keßler.

Tipp des Autors: Das Trainingsprogramm von Fred Keßler umfasst Webinare, Coachings sowie Präsenzseminare. Mit diesen „Lerneinheiten“ erarbeiten sich die Teilnehmer des Programms – wie der Urheber des Programms verspricht – schrittweise die wichtigsten Stellschrauben zur aktiven Gestaltung der digitalen Transformation: ausgehend von Transformation, Leadership und Orientierung über Strategie und Innovation bis hin zu Vertrieb, Marketing und Digitalisierung.

zum kostenfreien Pilotwebinar

 

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Dieser Blogbeitrag wurde von unserem Gastautor Gerhard Baumeister verfasst und ist am 18. Januar 2019 auf der Wissensplattform CRM-Expert-Site erschienen.

 

 

Gerhard Baumeister | Gastautor

Gerhard Baumeister | Gastautor

Gerhard Baumeister ist seit 1992 freier Fachjournalist und Mitinhaber des Redaktionsbüros Baumeister & Partner – seit 2008 Mitglied im Deutschen Presse Verband e.V. Regelmässig schreibt er Beiträge für Fachverlage mit dem Fokus auf Technologie und Wirtschaftsthemen. Themenschwerpunkte sind IT sowie Marketing und Vertriebsmanagement. Unter anderem betreut er als verantwortlicher Redakteur in Kooperation mit weiteren freien Fachjournalisten die herstellerunabhängie Wissensplattform CRM-Expert-Site sowie die News-Plattform CRMFORUM.

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